Ich lasse das Leben auf mich regnen

„Was machen Sie?“
„Nichts. Ich lasse das Leben auf mich regnen.“

[Rahel Varnhagen von Ense]

 

Warten und ausharren. Zeit überbrücken. Alleinsein mit dem Kranksein. Arztbesuche, Untersuchungen und Behandlungen. Widerwillen. Medikamente, Wirkungen und Nebenwirkungen. Unvorhersehbarkeiten und fehlender Alltag. Ein Körper, so fremd, als würde ich neben ihm (be-)stehen. Schwindel und Schwäche. Erinnerungen, die aufbrechen wie ekelhafte, schmerzende Geschwüre. Flashbacks, Intrusionen, Dissoziation. Innere Einsamkeit. Traurigkeit. Angst. Schwarz und tief und bedrohlich.

Aufstehen trotz Warumauchimmer. Essen und trinken. Beruhigend klare Herbstluft atmen. Geborgenheit in den Umarmungen des Besten. Kleine Spaziergänge, so, wie es eben geht. Telefonieren. Märchen schauen. Basteln, selbst_vergessen und zuweilen zufrieden. Therapiestunden als wöchentlicher Anker. Buntblätterbäume bestaunen. Sterne angucken. Nächtliche Entspannung. Wärme. Eine Idee von Sicherheit. Trost, der das Irgendwo_Innen berührt. Freude über das erste Bisschen Schnee.


Was bei mir los war, während hier nichts los war

Infusionsflasche mit Schlauch, die an einem Infusionsständer hängt

So fing es an:
Zahnentzündung, warumauchimmer vom Zahnarzt übersehen
+ Schubladendenken (Sie sind komplex traumatisiert… huch, achso, okay.)
+ falsche Behandlung (Lassen Sie sich bitte dringend in eine psychosomatische Klinik einweisen.)
+ unzureichende Diagnostik (Weitere körperliche Untersuchungen sind bei Ihnen nicht nötig.)
+ Nichtwahrgenommenwerden (Bei Ihren Symptomen handelt es sich um Panikattacken.)
+ gemeingefährliche Medikation (Tavor, Diazepam, Atosil – take it or leave it…)
= Schmerzen, massive Herz-Kreislauf-Beschwerden, Ohnmachtsanfälle, Todesangst

Und dann?
Dem nahezu fluchtartigen Verlassen der Psychiatrie folgte  ein monatelanger Kampf_Krampf – für eine angemessene Diagnostik, Behandlung und Medikation. Ich suchte (und fand glücklicherweise letztlich) verschiedene zu mir passende Ärzt*innen. Wurde untersucht, durchleuchtet und operiert. Und üb_erlebte es in meinem So-Sein, mit der Traumatisierung, die ja auch mit getragen werden musste. Eine höllische Zeit war das – im Innen und im Außen.
Ein gutes halbes Jahr später bin ich um etliche Erfahrungen reicher, um einiges Geld und vier Zähne ärmer und leider – aber auch logischerweise – immer noch krank. Auf die verzögerte Diagnostik und Behandlung re_agierte mein Körper mit einer hartnäckigen Kiefer- und Ohr-Entzündung und einer kompletten Stoffwechselentgleisung inklusive verschiedener Anämien, gestörter Wundheilung und diverser anderer unangenehmer Beschwerden.
Erleichtert, mich ärztlich nun endlich in guten Händen zu fühlen, versuche ich zu genesen – erschöpft und wohl wissend, dass diesbezüglich ein langer Prozess vor mir liegt. Natürlich wird es weitergehen. Irgendwie, wie immer halt. Vorerst lebe ich von Stunde zu Stunde und hangele mich von Tag zu Tag.


Ad astra

bunte Papiercollage aus Zeitungen: vor einer bergigen Kulisse führt eine steinerne Treppe hinauf zu einem von Sternen und einem großen Vollmond gefüllten Nachthimmel; auf der obersten Treppenstufe steht eine Frau mit ausgebreiteten Armen

Papiercollage/Scan, 19×23,5 cm
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We are all mad here

Papiercollage aus Zeitungsbildern und -schriften: zerrissene Fragmente eines Gesichts mit aufgerissenen Augen vor dunklem Hintergrund; darüber steht in bunten Buchtaben: "We are all mad here"

Papiercollage/Scan, 9,5×14 cm
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Vom Hoffen und Enttäuschtwerden

Normalerweise gefallen mir zweite Plätze genauso gut wie erste. Eigentlich sind mir Platzierungen jeglicher Art sogar relativ egal. Nicht aber bei der Bewerbung um eine Wohnung. Heute ist der Platz zwei nichts anderes als ein lächerlicher Trostpreis – auf den ich getrost verzichten könnte.

Nach einer so langen Wohnungssuche, wie der Freund und ich sie hinter uns haben, leer auszugehen, ist fies. Generell – und eben auch speziell, weil das Finden einer neuen Wohnung aus mehreren Gründen sehr wichtig für uns wäre.

In unserer Stadt herrscht ein Wohnraummangel. Vermieter können deshalb unter einer Vielzahl an potentiellen Mietern auswählen. Diesem Ungleichgewicht entspringen mittlerweile, selbst bei vermeintlich kulanten Hausbesitzern, absurde Auswahlkriterien: Grundsätzlich gilt das Recht des Besser(verdienend)en. Woraus wiederum, logischerweise, unverhältnismäßige Preise, Gentrifizierung und Endlossuchen wie die unsere resultieren.

Wir zahlen zuverlässig unsere Miete und können regelmäßige Einkommen vorweisen – von denen zumindest eines, nämlich das des Freundes, eine durchschnittliche Höhe besitzt. Sämtliche Prioritäten, die derzeit an oberster Stelle stehen – ein (über-)durchschnittlich hohes Gehalt in Kombination mit voller „Arbeitsfähigkeit“ – erfüllt allerdings zumindest einer von uns beiden in keinster Weise, nämlich ich. Und gleichzeitig mit der Offenbarung dieses Sachverhalts fallen wir jedes Mal aus dem Raster – auf den zweiten Platz, in Ungnade oder tiefer.

Nach der neuen, diesmal ziemlich herben Enttäuschung, die mir jenes Machtgefälle in seiner ganzen Versch(r)obenheit sehr bewusst machte, schwanke ich gerade zwischen Wut, Traurigkeit und Verzweiflung. Langsam frage ich mich, wie wir unter den gegebenen Bedingungen überhaupt jemals ein Zuhause finden sollen –  jedenfalls, solange lediglich der Freund seinem Beruf nachgeht und ich nicht „arbeitsfähig“ bin…


Vom Suchen und Hoffen

Seit geraumer Zeit suchen der Freund und ich ein Zuhause, einen neuen Ort zum Leben. Groß genug, um sich frei darin zu bewegen. Klein genug, um sich nicht darin zu verlieren. Gemütlich und hell. Und, aufgrund meiner eingeschränkten Mobilität, gleichermaßen möglichst natur- und stadtnah gelegen.

Die Suche nach einem Zuhause ist aus verschiedenen Gründen sehr wichtig. Wir brauchen Raum für uns, um zusammen zu leben. Um, was nicht von unwesentlicher Bedeutung ist, weniger Geld für Miete ausgeben zu müssen. Um (mehr) zur Ruhe zu kommen. Und ich brauche Anonymität. Um, zumindest äußerlich, dem „Zugriff“ meiner Verwandten vollends zu entgehen. Um mein Bedürfnis nach Sicherheit und vielleicht auch einen kleinen Teil meiner Sehnsucht nach Geborgenheit stillen zu können.

Mit einer mittlerweile frustrierend langen Liste erfolgloser Wohnungsbesichtigungen im Gepäck machen wir uns an diesem Wochenende wieder auf den Weg. Es besteht die Möglichkeit, verhältnismäßig preiswerten Wohnraum in perfekter Lage anzuschauen, dessen Vermieter wir entfernt kennen. Und entgegen aller Ängste und bisherigen Erfahrungen hoffe ich, dass unsere Suche damit ein Ende haben wird.

Jaja, die Hoffnung stirbt zuletzt, höhnt die altbekannte Stimme in meinem Innen. Frisch gewagt ist halb gewonnen, setze ich entgegen. Und auch, wenn es sich dabei bloß um ein weiteres, nicht mal besonders originelles Sprichwort handelt, halte ich den Wunsch fest, sowohl ein kleines Körnchen Wahrheit darin als auch endlich, endlich ein Zuhause zu finden.


Zugeständnis

Als mein Therapeut vor einigen Tagen anrief, um unseren nächsten regulären Termin wegen Krankheit abzusagen, passierte etwas in meinem Innen, das sich zunächst schwer aushalten ließ:

Auf rationaler Ebene war mir klar, dass es sich bei dem Ausfall einer Therapiestunde um ein durchaus gewöhnliches Vorkommnis handelt. Ein Teil meines Seins jedoch wurde, wobei mein momentan ohnehin angeschlagener Zustand sicherlich als Verstärker diente, nach dem Telefonat in ein diffuses, früheres Irgendwo katapultiert – in eine haltlose Leere ohne Sicherheit und Hilfe, ohne Zuverlässigkeit, ohne Kontakt und Wärme.

Wie gut mein Verstand auch funktionieren mag – was mir zu schaffen machte und was mir generell in derartigen Situationen zu schaffen macht, war/ist die Jetzt-Qualität meiner (Körper-)Empfindungen. Teilweise wird es hierdurch zu einer großen Herausforderung, nicht völlig im Früher zu verschwinden.

Gerade deshalb verblüfft und erleichtert es mich gleichermaßen, eine Veränderung an und in mir zu bemerken. Mittlerweile besteht in bestimmten (bei weitem nicht in allen) Fällen ein Bewusstsein für Trigger und PTBS-bedingte Reaktionen auf sie. In diesem Fall gelang es mir schließlich, meine Wahrnehmung in das 2016-Jetzt zurückzuholen und das Verlassenheits-Szenario auf die händelbare Größe eines normalen (= nicht-katastrophalen) Ereignisses im Alltag meines Hinterherlebens zu schrumpfen.

Langsam, sehr langsam, scheinen sich also Teile von mir aus der jahrzehntelangen Erstarrung zu lösen. Und mit zunehmender Flexibilität keimt erstaunlicherweise (oder eher logischerweise?) eine Idee des vielleicht irgendwann Möglichen in mir auf. Diese Idee überhaupt nur zu betrachten (oder mitunter eher zu ertragen) ist wie eine Art Zugeständnis an mich selbst, (anders) weiter leben zu können und zu dürfen.